21.11.06

The real New Economy

Unser Bundes-Arbeits-Münte hat es vor kurzem erst wieder betont: Wir müssen unsere Kinder besser aufs spätere Berufsleben vorbereiten. Richtig so. Bekommt das Stöppselpack zu Weihnachten eben keine Muh, keine Mäh und keine Tätärätätä - sondern den Brio Networker.

Klingt zwar nach Frischkäse für IT-Spezialisten - ist aber ein Spielzeugset, das einer Holzeisenbahn nachempfunden wurde. Nur gibt es eben keine Eisenbahn und keinen Bahnhof, sondern eine Suchmaschine und einen Mailserver. Nicht zu vergessen: 3 teletubbiesk colorierte Holzzapfen, die im Spielzeugnetzwerk als - achtung Reim - Viren fungieren.

Damit scheint der schwedische Hersteller einen echten Trend auf dem vorweihnachtlichen Spielzeugmarkt gesetzt zu haben. Denn unbestätigten Angaben zufolge zieht auch ein namenhafter dänischer Produzent mit einer spielerischen Berufsvorbereitung nach.

Die Spielzeugserie "The real New Economy" soll Kinder im Grundschulalter auf ihren späteren Einsatz an der New-Media-Front vorbereiten. Die Sinners & Schraders von morgen, die dank Fastfood schon heute wie ein Elephant-7 aussehen, können damit Chef ihrer eigenen Internetagentur werden.



Obwohl der Launch der Reihe erst für Anfang Dezember geplant war, konnte ich bereits einen Blick in eine der Schachteln werfen. So besteht das Set "Startup" aus einer genoppten Grundplatte in Technologie-Zentrum-Grau und fünf Spielfiguren.

Da sich verstörte Anhänger der Generation "X-Box 360" (die 360 gibt dabei die exakte Anzahl der noch aktiven Synapsen im Gehirn an) mit der Entwicklung eigener Spielideen schwer tun, hat der Hersteller dem Set auch gleich eine detaillierte Beschreibung der fünf Charaktere beigefügt.

Diese folgt hier nun in leicht gekürzter Form:

Herzlich Willkommen in der bunten Welt der neuen Medien. Du hast es geschafft. Nachdem Pappi dir seinen Boss-Anzug geliehen und Mami ihren Bruder bei der Stadtsparkasse Hinterfurzbüll mit den alten Geschichten vom Dorffest erpresst hat, ist es dir tatsächlich gelungen eine ganze Hand voll Euros für deine Firmengründung zu erhalten.

Natürlich kannst du so etwas nicht allein auf deine kleinen dicken Beinchen stellen. Deshalb haben wir dir ein Team aus coolen edgy Experten zusammengestellt, mit denen deine Agentur in Kürze zum heißesten Übernahmekandidaten für Google wird. Und das sind deine neuen Freunde:

Die Screendesignerin
An guten Tagen macht Sie einfach nur ein schreckliches Gesicht - an schlechten ebensolche Screendesigns. Treffender könnte man ihre Arbeit kaum beschreiben. Es gibt wenig, was sie auf dem Weg zum perfekten Entwurf aufhält - bis auf die Vorstellungen der Kunden vielleicht. Denn wer braucht schon Blau, wenn man auch Pink oder Lila haben kann. Ein Monitor mit 32Bit Farbtiefe ist für sie weniger eine Herausforderung als vielmehr ein Geschenk an Ihre Fähigkeiten, tausendfach digital vergrößerte Rautenmuster von Burlington-Socken mit den unmöglichsten Farbkombinationen zu besudeln und dies tatsächlich als Screendesign hinzustellen. Um es kurz zu machen: Das letzte Mal, dass ein Kunde die Ergebnisse ihrer Bemühungen sofort akzeptierte, war beim Projekt des Blindenvereins. Entwürfe für andere Kunden werden nach Feierabend heimlich durch die Grafik-Praktikanten unter Anleitung des Projektleiters (siehe unten) behutsam überarbeitet.

Der Entwickler
Von ihm stammt der Satz: "...". Mmh, Nein, wenn ich es mir recht überlege: Von ihm stammt eigentlich gar kein Satz. Seitdem er in der Firma ist, hat niemand etwas allgemein Verständliches von ihm gehört. Bis auf den Zeitpunkt der Pizzabestellung zum Mittagessen. Er ist der Einzige in der Firma, der die Karten aller sieben Pizzadienste auswendig aufsagen und jedes einzelne Gerichte bewerten kann. Der Entwickler ist quasi eine fleichgewordene Web 2.0-Anwendung. Aber zurück zu seinem Alltag: Er kommt gegen 11 Uhr in die Firma, verdunkelt sein Büro und beginnt mit der Arbeit. Mitarbeiter, die an der offenen Bürotür vorbeikamen, wollen gesehen habe, wie er sich mittels USB-Schnittstelle direkt mit dem PC verbindet. Ansonsten ist der Entwickler ein grundsolider Single. Er wohnt auch mit 40 noch bei Mutti, verachtet den Projektleiter ob seines technischen Halbwissens, träumt davon so cool zu sein wie der Key-Account-Manager und merkt nicht, dass er dazu erstmal die Korksandalen zuhause lassen sollte.

Der Projektleiter
Ordnung ist das halbe Leben? Weit gefehlt. Es ist das Ganze. Zumindest für den Projektleiter. Er ist ein genügsamer und ruhiger Mensch. So lange nur niemand seine nach Farben sortierten Stabilo-Stifte in die Hand nimmt. Computern misstraut er - ebenso allen Menschen in seinem Umfeld. Als seine Frau ein gemeinsames Konto mit ihm eröffnen wollte, hat er ein polizeiliches Führungszeugnis von ihr gefordert. Er sammelt Briefmarken und erzählt auf der Weihnachtsfeier nach nicht mehr als drei Cherrycola Witze von Fips Asmussen - bis der Saal leer ist. Seine Aufgabe besteht darin, die unmöglichen Versprechen des Key-Account-Managers entgegenzunehmen, dafür Kopfschütteln und Hohngelächter bei der Screendesignerin und dem Entwickler zu ernten und am Ende ein halbwegs lauffähiges Projekt als Ergebnis zu präsentieren. Obwohl das schier unmöglich ist, scheint er der einzig ausgeglichene Mitarbeiter zu sein. Heimlich schafft er allerdings seit Jahren Terrabyteweise Daten aus dem Unternehmen, um sie bei eBay an die Konkurrenz zu verkaufen.

Der Key-Account-Manager
Feinde munkeln, er können aus Scheiße pures Gold machen. Freunde können sich dazu nicht äußern - er hat keine. Aber wer braucht Freunde, wenn man einen Porsche fährt und am Wochenende die Yacht des Chefs ausleihen darf (und dessen 18jährige Frau - allerdings kann da von dürfen nicht die Rede sein). Seine Großmutter hat er vor langer Zeit an einen Zirkus verkauft - für Freikarten um seine Freundin rumzubekommen. Überhaupt spielen Frauen und Geld eine wichtige Rolle in seinem Leben - die Arbeit eher eine untergeordnete. Früher hat er Heizdecken und Dampfkochtöpfe verkauft. Sein Wissen über das Internet ist heute noch das gleiche wie bei seinem Einstieg in die Agentur - es ist schlichtweg nicht vorhanden. Wenn Kunden beispielsweise von Web 2.0 und Typo3 reden, dann verspricht er vollmundig bereits Web 3.0 und Typo4. Ein neues Projekt ist für ihn so lange interessant, bis er das unmöglichste Versprochen und den höchsten Etat dafür an Land gezogen hat. Danach ist ja der Projektleiter dafür verantwortlich.

Die Kundin
Deine erste Kundin ist eine - wie sie selbst sagt - äußerst erfolgreiche Betreiberin einer Beautysalon-Kette (es sind genau drei Hinterhofkaschemmen von denen zwei zur Zeit wegen eines Ermittlungsverfahrens der Ausländerbehörde geschlossen sind). Sie ist mit allen Wassern gewaschen - und wenn nicht, dann zumindest mit der gesamten Auslage von Douglas. So leicht macht ihr keiner etwas vor. Schon am Telefon vor dem ersten Termin gab sie deinem Key-Accounter zu verstehen: Ein Screendesign braucht sie von deiner Agentur nicht. Schließlich nimmt sie nicht umsonst seit 10 Jahren erfolglosreich Seidenmalkurse an der örtlichen Volkshochschule. Die Programmierung wird vermutlich überwiegend ihr 14jähriger Sohn übernehmen. Wozu da unnötig Geld verschwenden. Mehr als 400 Euro wollte Sie für die geplante Internetpräsenz ja eh nicht ausgeben. Wichtig wäre ihr nur, dass die etwa hunderseitige Familienchronik auch zum Download - am besten gegen Bezahlung - angeboten wird.

Deine Aufgabe: Bewege die Kundin dazu, mindestens 40.000 Euro für die Erstellung einer drittklassigen Internetpräsenz ohne Content-Management-System - dafür aber mit 10järhigem Pflegevertrag - auszugeben. Die besten Idee werden prämiert. Bitte einfach hier im Blog als Kommentar hinterlassen.

Nur mal so am Rande: Ich wollte früher auch nie 'ne Muh, 'ne Mäh und ne Tätärätätä zu Weihnachten - lieber ne Rambazamba von Sony. Und was hab ich bekommen? Den Spielzeugbauernhof von Duplo und nen Tret-Traktor. Ob mir meine Eltern damit irgendwas sagen wollten? Warum haben die eigentlich unseren Bauernhof verkauft? Mmmh...